Hybride Formate: Pädagogik first & Technik second? NEIN!

Hybride Formate haben in den letzten Jahren enorm an Popularität gewonnen. Auch wir im Fachbereich sammeln unsere Erfahrungen und dokumentieren diese in diesem Blog, wie zum Beispiel:

Spannend ist zu sehen, auf welchen Ebenen sich in unserem Umfeld Kolleg*innen mit dem Thema beschäftigen, angefangen mit der Begriffsdefinition, was überhaupt unter einer hybriden Veranstaltung zu verstehen ist bis hin zu einer professionellen technischen Umsetzung. Denn wenn es darum geht, Menschen in analogen und digitalen Räumen zu erreichen, kann von einem Lifestream (Übertragung einer Veranstaltung als Video, keine direkte Interaktion möglich), einem Blended-Learning Angebot (Asynchrones Arbeiten online und offline), einem flipped classroom (siehe Blog-Artikel), und vielem mehr die Rede sein.

Wir jedenfalls sprechen von hybriden Veranstaltungen, wenn wir synchron – also gleichzeitig – mit Teilnehmer*innen in einem digitalen und einem analogen Raum arbeiten und alle eine vergleichbare Möglichkeit der Interaktion und Beteiligung haben. Ein Format, das sich besonders eignet, wenn vor Ort nur begrenzte Platz-Kapazitäten zur Verfügung stehen. Aber fernab dieser inhaltlichen Gestaltung ist zu beobachten, dass ein intensiver Diskurs darüber geführt wird, welche Priorität das Thema “Technik” in diesem Konstrukt haben darf. Letztendlich steht das nachvollziehbare Argument im Raum, dass wir ja Pädagog*innen sind und keine Techniker*innen und dass oft der Inhalt neben der Technik zu kurz kommt. Pädagogik first und Technik second!

Da mit dieser Fragestellung wesentliche Aspekte der Planung und Durchführung von hybriden Formaten verbunden sind, soll hier kurz die Möglichkeit für eine Gegenrede genutzt werden, wobei der Begriff der Gegenrede auch etwas irreführend ist, da die vertretene These ja nicht “Technik first und Pädagogik Second” lautet. Es soll unbestritten sein, dass es bei einer Veranstaltung auf die Inhalte ankommt. Allerdings befinden wir uns bei hybriden Angeboten in der Situation, dass die besten Inhalte nichts bringen, wenn diese den Teilnehmer*innen auf Grund schlechter Audio und Videoqualität oder eingeschränkten Beteiligungs- und Interaktionsmöglichkeiten vorenthalten bleiben.

Technik ist nicht gleich Technik – der Ton

Unsere Fortbildungen im Bereich “Hybridmoderation” haben gezeigt, dass sich viele Bildner*innen eine einfache technische Lösung wünschen, die allen Anforderungen gerecht wird, am Liebsten ein Raummikrofon, das in die Mitte gestellt wird – zusammen mit einer tollen Kamera. Und hier sind wir bei einem wichtigen Thema, denn so ein Mikrofon gibt es nicht. Die Wahl des richtigen Mikrofons ist von vielen Faktoren abhängig, wie zum Beispiel, Raumgröße, Akustik, Anzahl der Personen, Anzahl der benötigten Mikrofone, Mobilität, etc. Der Ton eines Mikrofons, das in einem kleinen Büro überzeugende Arbeit leistet, kann in einem großen Raum als schlechte und auch schmerzhafte Lösung erfahren werden. Schmerzhaft? In der Tat für die Online-Teilnehmer*innen, denn falsch eingesetzte oder technisch minderwertige Mikrofone können Störfrequenzen übertragen, die je nach Sensibilität und Gehör als schmerzhaft empfunden werden können.

Technik ist nicht gleich Technik – das Bild

Auch ist bei der Wahl der Kamera zu beachten, dass wir hiermit den wahrnehmbaren Bildausschnitt für die Online-Teilnehmer*innen festlegen. Währen die Menschen im Raum jede Kleinigkeit, jede Bewegung und Aktion und Reaktion im Raum mitbekommen, wird der visuelle Fokus durch genau diesen Bildausschnitt festgelegt. Wenn wir also im Rahmen unseres didaktischen Konzeptes für die Teilnehmer*innen vor Ort die Blickrichtungen und Sitzordnung planen, also wo steht die Referent*in, wo die Leinwand, wie sitzen die anderen Teilnehmer*innen (Stuhlkreis, Blöcke, U-Form…) müssen wir genau dies auch für die Online-Teilnehmer*innen durch die richtige Auswahl der Kameras und Bildausschnitte tun. Technisch gesehen gibt es hier einige Möglichkeiten, vom multiperspektivischem Einsatz mehrerer Geräte, Bild in Bild Übertragungen mit einer Streaming Software, mobile Kameras etc., die den Online-Teilnehmer*innen ein vergleichbares Veranstaltungserlebnis bieten können.

Interaktion, Beteiligung und Zumutbarkeit

Gehört es zum didaktischen Konzept, dass die Teilnehmer*innen sich untereinander austauschen sollen, muss auf einer digitalen Ebene die Möglichkeit dafür geschaffen werden, denn leider können die Online-Teilnehmer*innen schlecht analog und vor Ort etwas einbringen. Hier gilt es für die Organisator*in genau zu überlegen, welche Technik und Dienste wie eingesetzt werden sollen und was sie sich selbst und den Teilnehmer*innen vor Ort zumuten kann und möchte, denn letztendlich müssen auch die Menschen im analogen Raum die digitalen Interaktionswerkzeuge verwenden.

Pädagogik oder Technik? Beides!

Meiner Meinung nach ist das Thema Technik neben der Pädagogik ein zentraler Aspekt bei der Planung und Durchführung von hybriden Veranstaltungen, denn die Wahl der richtigen Geräte trägt wesentlich zum Erfolg oder Misserfolg einer hybriden Veranstaltung bei. Daher ist es für die Bildner*in ein elementarer Bestandteil der Planung, zu schauen, in wie weit sie sich überhaupt mit diesem Thema beschäftigen möchte oder nicht, welchen technischen Aufwand sie betreiben möchte und kann, welche Formate mit diesem Aufwand überhaupt möglich sind und ab welchem Punkt eine Unterstützung in Form eines technischen Dienstleisters notwendig ist. Die Technik soll nicht die pädagogische Qualität einer Veranstaltung bestimmen, aber sie bildet die Grundlage des digitalen Raumes, der Wahrnehmung, der Beteiligung und der Interaktion.

Spannend an dieser Stelle ist nun der Diskurs, welche neuen Anforderungen an uns Bildner*innen durch die neuen digitalen Möglichkeiten entstehen. Vielleicht lesen wir in wenigen Jahren in den Stellenausschreibungen nicht mehr “Kann Word und Excel verwenden” sondern vielmehr “Sicherheit im Umgang mit hybrider Veranstaltungstechnik vorausgesetzt”, wer weiß?

Ein Kommentar

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  1. Interessanter Gedanke, das mit den künftigen Skills. Ich finde auch, dass ein Mindestverständnis von Technik vorhanden sein sollte, wenn die eigene Wirkungsstätte im Digitalen liegt. Für alles andere und weiterführende gibt es ja Dienstleister, die aber erstmal bezahlt werden müssen