„Artgerechte Haltung“ in der Bildung

Elke Heldmann-KieselVeröffentlicht von

Der weite Weg vom „Nürnberger Trichter“ zur Augenhöhe zwischen Lehrenden und Lernenden.

Marianne Jensen und Arno Hermer, seit mehr als 30 Jahren ein lehrendes und lernendes Paar, ver-ständigen sich in dem Beitrag auf eine dienliche Grundhaltung von Menschen im Bildungsbereich, eine Grundhaltung, die sie anstreben und nach Möglichkeit leben. Womit anfangen: Mit „Calvin und Hobbes“, dem wunderbaren Cartoon, der 10 Jahre lang erwachsene Kinderherzen erfreute? Für diejenigen, die dieses philosophische Standardwerk noch nicht kennen, eine kleine Einführung, um unsere Anknüpfung verständlich zu machen: Calvin ist ein sechsjähriger Anarchist, der ungebremst den eigenen Wünschen, Träumen, überbordender Ideenvielfalt und einer fast lebensgefährlichen Abenteuerlust folgt – und dabei in Dauerkarambolage mit der Welt der Erwachsenen gerät. Zum Glück hat er den Stofftiger Hobbes, den Erwachsene nur als blödes Plüschtier erleben, der aber quicklebendig, tigermäßig wild und ironisch klug die Balance zum tendenziellen Größenwahn von Calvin hält. Wir möchten im Folgenden die Leser*innen in einen wahrscheinlich ähnlich größenwahnsinnigen, unrealistischen, utopischen Traum wie diejenigen von Calvin einladen. Wir selbst haben beim Umkreisen des Themas in Albträumen schon sämtliche stichhaltigen Widerlegungen, Hohngelächter und psychiatrische Diagnosen für diese „unrealistische Traumtänzerei“ erlitten – und dennoch klammern wir uns an das Wort von Albert Einstein: „Wenn eine Idee am Anfang nicht absurd klingt, dann gibt es keine Hoffnung für sie.“ Möge uns Hobbes‘ nüchtern-kühler Humor beistehen.

Den Begriff „artgerechte Haltung“ haben wir ja humorvoll aus der Tierhaltung geklaut, wo er nicht weniger „…bezeichnet (als) eine Form, die sich an den natürlichen Lebensbedingungen orientiert. So hebt sie die spezifischen Bedürfnisse hervor.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Artgerechte_Haltung, zitiert am 21. Juni 2018, 22.19 Uhr, Kürzungen nicht kenntlich gemacht)

Beim Pflügen und Säen auf dem Feld der Bildung folgen wir als Lehrende einigen nützlichen Grund-annahmen (oder, wie es die System-Theoretiker nennen würden: „nützlichen Irrtümern / nützlichen Konstruktionen“): In jedem Menschen ist bereits alles vorhanden. Jeder Mensch ist mit dem großen Ganzen unverlierbar verbunden. Jeder Mensch ist qua Geburt frei und würdig. Schon sind wir bei dem Nebelwort „Würde“ angelangt. Artikel 1 des Grundgesetzes vermeidet wohlweislich eine Klarstellung, was dieses Unantastbare denn genau sei. Unverzichtbar ist diese Klärung dennoch in Gesellschaft und Bildung. Stützen wir uns mal versuchsweise auf einige Ideen dazu, dann wäre Bildung Hilfe, Begleitung, Ermutigung zu wirklich selbstwertdienlichen Einstellungen, zur Entdeckung und Entfaltung der ureigensten Talente – also zu dem, was jeder Mensch – jeder – der Welt zu geben hat. Nun aber endlich zu Calvin und Hobbes: In einem Strip von Calvin und Hobbes steht der Junge vor dem Spiegel und präsentiert seine kümmerlichen Muskeln mit bewunderndem Blick auf das eigeneSpiegelbild: „Geschaffen nach dem Ebenbild Gottes, jawohl!“, was Tiger Hobbes zu einem Gesicht zwischen Ratlosigkeit und Ironie veranlasst: „Gott muss einen schrägen Sinn für Humor haben.

“Wagen wir eine Calvin-freche Behauptung: Da steckt alles drin, was wir für eine artgerechte Haltung in der Bildung brauchen. Als Ebenbilder Gottes sind wir – Lehrende wie Lernende, ausnahmslos alle Menschen – wie gesagt, einzigartig und zur Freiheit bestimmt. Bildung – neuer Umkreisungsversuch – Bildung ist eine Begleitung auf Augenhöhe mit Humor, Zugewandtheit und eigener Lernbereitschaft, ein Lotsendienst auf dem Schlingerkurs zwischen großen Träumen und verletzungs-gefährdender Realität, eine Odyssee zwischen der Skylla der „Sachzwänge“ und der Charybdis des Größenwahns. Kurs auf die Träume, Sehnsüchteund Bedürfnisse und Notwendigkeiten … aller Beteiligten! Also: Artgerechte Haltung. Oder weniger flapsig benannt: Wir erkennen dann, dass Bildung ein gemeinsamer Raum der Entfaltungsmöglichkeiten ist, in dem wir Bildner*innen für einen definierten Zeitabschnitt und für ein vorläufig eingegrenztes Themenfeld die Autorität – also das Vertrauender Bildungswilligen – bekommen.

Das ist ein kategorialer Unterschied zur Autorität qua Amt. Denn es verpflichtet uns, immer wieder zu überprüfen, ob wir noch im Auftrag unserer „Schüler*innen“ handeln. Wenn wir so denken und lehren, sind wir nicht Schulmeister, sondern Dienstleister. Und die Lernwilligen sind dann zugleich unsere Auftraggeber und Lehrer*innen. Wie könnten wir Erwachsenenbildner es schaffen, diesem zugegeben turmhohen Ideal wenigstens manchmal näher zu kommen? Als wir zusagten, diesen Artikel zu schreiben, war da eine vage Idee, ein intuitives Wissen, worauf es ankommen könnte. Entspannte und fruchtbare Seminarvorbereitun-gen und Schreibphasen sind uns schon immer schon in der Natur gelungen. Also setzten wir uns an einen verwitterten Tisch am Waldrain, Blick über das weite Tal von Welterod und ließen jeden Einfall, jede Idee erst einmal gelten. Nun, beim Nachlesen und Abtippen der hastigen Kritzeleien ist es ein winziger Waldsee, an dem eine unglaublich zutrauliche Entenmutter mit ihren zwei Küken die Kon-zentration auflockert. Die Wahl dieser „Arbeitsplätze“ folgt einer unserer Grundannahmen und -erfahrungen: Wir haben die „Pflicht“, es uns so gut wie nur möglich gehen zu lassen, wenn wir lehren / beraten / begleiten. Denn nur dann haben wir den vollen Zugriff auf alle unsere Möglichkeiten. Eine Wasserschale kann nur überfließen, wenn sie selbst voll ist. Ich kann nur dann frei geben, wenn ich sorgfältig für mein seelisches Gleichgewicht gesorgt habe. Das klingt einfacher als es ist – eine lebenslange Aufgabe, die Mut und Zähigkeit erfordert. Keiner von uns kommt ohne Schrunden und Wunden durchs Leben und ihre Erkundung wie Heilung braucht Genauigkeit, Spürsamkeit, Unbestechlichkeit, Selbst-Erkenntnis, Selbst-Bewusstsein, Selbst-Liebe. Und auch die Fähigkeit, immer wieder scheitern zu können.

Wie definierte der buddhistische Mönch, über sein Kräuterbeet gebeugt, für seinen Schüler den Weg zur Weisheit: „Einmal mehr aufzustehen, als du hingefallen bist.“ Wer allerdings seine Möglichkeiten und Grenzen nicht kennen will, sollte in keines der „dienenden“ Berufsfelder Bildung, Lehre, Therapie, Beratung, Pflege gehen. Sonst werden die Bedürftigen und Schutzbefohlenen ungefragt zu Lieferanten unseres Lebenssinns gemacht. Das kennt man unter der Diagnose „Helfersyndrom“: Menschen opfern sich auf bis zur Berufsunfähigkeit, um als seelische Bezahlung dafür Dankbarkeit, das Gefühl von Unersetzlichkeit und moralischer Höherwertigkeit einzuheimsen, nein, insgeheim sogar einzufordern. Was aber, wenn mich der alte Schmerz oder der neue unmenschliche Kosten-, Zeit- und Arbeitsdruck erwischen? Wenn mich die Spannung zwischen Ideal und Versagensgefühl zerreißt? Dann kommt es sicher zu allererst darauf an, diesen Riss überhaupt wahrzunehmen und gelten zu lassen.

Wie heißt es in Italo Calvinos Roman „Die unsichtbaren Städte“: „Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas, was sein wird; gibt es eine, so ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir tagtäglich wohnen, die wir durch unser Zusammensein bilden. Zwei Arten gibt es, nicht darunter zu leiden. Die eine fällt vielen recht leicht: die Hölle akzeptieren und so sehr Teil davon werden, daß man sie nicht mehr erkennt. Die andere ist gewagt und erfordert dauernde Vor-sicht und Aufmerksamkeit: suchen und zu erkennen wissen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist und ihm Bestand und Raum geben.“ (Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1985, Seite 192) Nur dann kann ich mich mit meinen Schwächen und Grenzen annehmen. So könnte ich zum Beispiel aus dem (Perfektions- und Machbarkeits-) Anspruch einen Zuspruch machen und gelegentlich aufrecht unter der hohen Latte hindurchschreiten. Weniger pathetisch: Eingeübte Aufmerksamkeitslenkung, hin zu dem Bewusstsein, dass wir als Bildner*innenmit den zu Bildenden gemeinsam in einem Raum der Möglichkeiten leben, in dem Lösungen aus unserer vereinten Bewegung hin zum Neuen und Vollen entstehen. Wir Lehrenden wären dann die Suchhelfer, um mit den Lernenden auf den so oft zugewucherten, löchrigen, verstellten, auf Umwege geratenen Pfad zum eigenen Ganzwerden, zur Selbst-Findung – ergo Ebenbildlichkeit – zu gehen. Das glückt nur, wenn wir uns selbst ganz ernst, aber nicht wichtig nehmen, also mit Ehrlichkeit und Humor. Das geht am besten, wenn ich als Lehrender das Modell vorlebe bzw. anstrebe, das die Lernenden vielleicht noch nicht wagen: Ganz ich selbst zu sein, offen, verlässlich, erwachsen und freundlich im Umgang mit den eigenen Lücken und Macken – auf dem Weg und noch lange nicht am Ziel. Der Biologe und Philosoph Humberto Maturana beschrieb es in einem Interview sinngemäß so: Im Mathematikunterricht lernen die Schüler nicht Mathematik, sondern wie es ist, mit einem Mathematiklehrer zusammenzuleben. Ist das Zusammensein mit ihm angenehm und würdigend, gefällt uns auch das Fach Mathe. Demütigt und straft er, ist Rechnen blöd.

Dazu ein Erlebnis: Wir gaben vor vielen Jahren einen Theaterworkshop für Realschüler*innen. Die Klassenlehrerin fühlte sich mit der Aufgabe, ein Stück zu erarbeiten, überfordert. Im Workshop stellte sich heraus, dass ein angeblich „hyperaktives“ Mädchen die ganze Klasse mitreißen, mit ihren Ideen begeistern und dem Geschehen auch noch Struktur geben konnte. Hätte die Lehrerin das erkennen, nutzen und würdigen können, wäre sie ein segensreiches Modell für dieses Kind und all die anderen gewesen. Mit dem Vertrauen darauf, dass man nicht alles selber können muss für ein befriedigendes Ergebnis, hätte sie einen Möglichkeitsraum eröffnet, in dem alle wachsen und neue Erfahrungen machen können. Eine präsente, reaktionsbereite Haltung als Lehrender und Bildner*in braucht Mut zu einer gewissen Schutzlosigkeit – und sie entlastet. Bisher war der hierarchisch Höhergestellte, der „Wissende“ oft als Mensch quasi unsichtbar, wie hinter dem semitransparenten Spiegel, den wir aus „Tatort“ und aus amerikanischen Krimiserien kennen: Verlässlich verschanzt hinter seiner institutionell gesicherten Rolle. Wenn wir aber „Rolle“ nicht mehr als Schutzbunker, sondern als mitfühlende Halbdistanz verstehen, dann können wir ganz Person sein und dennoch unverstrickt, unerstickt bleiben – und damit hilfreich.

Was wir vormals als Angriff und Infragestellung auffassten, würde nun zur hilfreichen Information darüber, was mein Gegenüber braucht und noch nicht erhalten / erreicht hat. Vielleicht ist die im Kern ungeheuerliche Sprengkraft all dieser Annahmen noch nicht ganz zu erkennen: Es wäre eine Revolution der gesamten Gesellschaft, wenn die Würde des Menschen wirk-lich und konsequent respektiert werden sollte und wenn wir ein Gespür für unsere eigene Würde behalten oder wieder erlernen dürften. Nicht mehr Status, Karriere, Besitz, Verwertbarkeit und Geldanhäufung sind dann der Ersatz für Selbstwert und Selbst-wirksamkeit, sondern wir Menschen werden reich durch die Entfaltung des je einzelnen Lebens, durch das Glück der gegenseitigen Nützlichkeit, durch die menschliche Bereicherung, die „herausspringt“, wenn wir gesehen werden und sehen, durch die Freude an der Welt, in der wir leben und die wir vor der Zerstörung durch die Tänzer um das Goldene Kalb schützen. Keine wirksamere Schutzimpfung gegen die Charakterver-giftung durch Macht ist denkbar, keine demokratiedienlichere Immunisierung gegen die unrealistische oder rachsüchtige Delegation von Heilserwartungen und Erlösungshoffnungen an die Machtbesoffenen dieser Welt ist vorstellbar.Wir alle konstruieren unser Modell von Wirklichkeit. Wie kann ich dann überhaupt die für michgültige Wahrheit erkennen? Vielleicht mit dieser Prüfskala: Wo steht mein Weltmodell zwischen der Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit aller Menschen auf dem einen Pol – und Enge, Abhängigkeit, Un-mündigkeit auf dem anderen? Schaffe ich mit dieser inneren Landkarte eine Annäherung an unser aller Gottesebenbildlichkeit? Augenhöhe wäre dann sicher gesellschaftlicher Konsens, Dialog als „gemeinsames Verfertigen von Gedanken“ (Jean-Paul Sartre) die gültige Verständigungsform.Dann könnte Calvin glückstrahlend zu seinem Tiger sagen: „Die Welt ist voller Wunder, Hobbes, alter Kumpel! … wie für uns gemacht!“ (alle Calvin und Hobbes-Zitate nach Martin Blay, Michael Winklmann (Hg.) „Philosophieren über Gott und die Welt mit Calvin und Hobbes. Herder Verlag Freiburg im Breisgau 2018)

FILM- UND LITERATURHINWEISE:„Alphabet“ – ein österreichischer Dokumentarfilm über Schulkarrieren in verschiedenen Ländern, vom chinesischen Musterschüler, der bis zum Zusammenbruch büffeln muss, bis zum bisher einzigen Menschen mit Doktortitel … und Down-Syndrom. Der Film wirft ein kritisches Licht auf die zuneh-mende Konkurrenz in der Bildung. Es ist nach We Feed the World und Let’s Make Money der dritte Dokumentarfilm von Erwin Wagenhofer. „Augenblicke“ – ein französischer Film von Agnes Varda und dem Streetartkünstler JR. Wunderbare Dokumentation über ein Projekt, das die knapp 90-jährige Filmemacherin und der 33-jährige Foto-graph gemeinsam unternahmen: Sie reisten in Dörfer und fotografierten dort einfache Menschen. Dann wurden die riesig vergrößerten Portraits an die Häuserfronten geklebt – eine anrührende und heitere Würdigung für sonst „unsichtbare“ Menschen! „Ein Mann seines Wortes“ – der Dokumentarfilm von Wim Wenders über Papst Franziskus. Wer eine wirklich radikale, geradezu vernichtende Kapitalismuskritik hören will, ist hier genau richtig. „Sein und Haben“ (frz. Originaltitel Être et avoir), eine preisgekrönte französische Dokumentation aus dem Jahr 2002. Der Film spielt in einer Dorfschule in der Auvergne, in der sämtliche Kinder bis zum Ende der Grundschule in einer Klasse unterrichtet werden. Georges Lopez ist der einzige Lehrer, er geht sensibel und klar auf die individuelle Entwicklung der Kinder ein. Leider wird er nach Abschluss des Films pensioniert. Martin Blay, Michael Winklmann (Hg.), Philosophieren über Gott und die Welt mit Calvin und Hob-bes. Herder Verlag Freiburg im Breisgau 2018. Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1985Martina, Johannes F. und Tobias Hartkemeyer, Dialogische Intelligenz. Aus dem Käfig des Gedachten in den Kosmos gemeinsamen Denkens. Info3-Verlagsgesellschaft, Frankfurt am Main 2016.Gerald Hüther: Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft. Knaus Verlag Mün-chen 2018

Artikelbild: AdobeStock_52379811

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