Der Raum als aktiver Teilnehmer in der Erwachsenenbildung

In der Erwachsenenbildung liegt der Fokus oft auf Inhalten, Methoden und Techniken, während ein entscheidender Faktor übersehen wird: der Raum, in dem das Lernen stattfindet. Doch der Raum ist nicht nur eine passive Kulisse für den Bildungsprozess. Wenn er richtig gestaltet und genutzt wird, kann er zu einem aktiven „dritte Facilitator“ werden, der den Lernprozess unterstützt und bereichert.

Was bedeutet Facilitation?

Facilitation leitet sich vom lateinischen Wort „facilis“ ab, was „leicht“ bedeutet. Ein Facilitator ist jemand, der den Prozess erleichtert oder ermöglicht. In der Bildung bezieht sich dies auf Personen, die Lernprozesse begleiten, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen. Sie schaffen die Rahmenbedingungen, in denen Lernen stattfinden kann.

Die Bedeutung des Raums in der Reggio-Pädagogik

Die Idee, den Raum als aktiven Teilnehmer im Lernprozess zu betrachten, ist nicht neu. In der Reggio-Pädagogik, einem Ansatz für die frühkindliche Bildung, wird der Raum als „dritter Erzieher“ betrachtet. Kinder werden als aktive, eigenständige Wesen gesehen, die durch ihren Drang, ihre Umwelt zu erkunden, ihre eigene Entwicklung steuern. Der Raum spielt dabei eine entscheidende Rolle. Er regt die Kinder an, ihre eigenen Interessen zu verfolgen und ihre individuellen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Dieser Ansatz kann auch in der Erwachsenenbildung fruchtbar gemacht werden, indem der Raum als ein Ort der Inspiration, Interaktion und des individuellen sowie kollektiven Wachstums betrachtet wird.

Das eigene Selbstverständnis und der Raum

Ein oft übersehener Aspekt der Raumgestaltung ist, wie sie das Selbstverständnis des Erwachsenenbildners oder der Weiterbildungsorganisation widerspiegelt. Die Art und Weise, wie ein Raum gestaltet ist, gibt oft Aufschluss darüber, welche Rolle der Lehrende für sich selbst sieht und welche Lernphilosophie er vertritt.

Wenn die Lehrperson oder der Inhalt im Mittelpunkt steht, dann ist das Raumkonzept oft traditioneller. Beispiele hierfür sind der klassische Klassenraum mit nach vorne gerichteten Tischen und Stühlen oder der Hörsaal, in dem die Studierenden in Reihen sitzen und der Dozent auf einer Bühne oder einem Podest steht. In solchen Settings ist die Kommunikation oft einseitig: Der Lehrende spricht, die Lernenden hören zu.

Im Gegensatz dazu steht das Konzept des Erwachsenenbildners als Facilitator. Hier steht nicht die Lehrperson oder der Inhalt im Mittelpunkt, sondern der Lernprozess der Teilnehmenden. Der Raum wird so gestaltet, dass er Interaktion, Zusammenarbeit und selbstgesteuertes Lernen fördert. Statt starren Reihen gibt es flexible Sitzgruppen, statt einer zentralen Bühne gibt es verschiedene Lernbereiche und -stationen.

Fotos: Tobias Albers-Heinemann

Konkrete Gestaltung eines solchen Raumes

Ein Raum, der als „dritter Facilitator“ fungiert, zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

  • Flexibilität: Der Raum verfügt über mobile Möbel, die leicht umgestellt werden
    können, um verschiedene Lernsettings zu ermöglichen.
  • Interaktive Flächen: Es gibt ausreichend Flächen für Visualisierung und
    Interaktion, wie Whiteboards, Pinnwände und digitale Touchscreens.
  • Diverse Lernbereiche: Der Raum bietet verschiedene Bereiche für
    unterschiedliche Lernaktivitäten, wie ruhige Ecken für Einzelarbeit, offene
    Flächen für Gruppenaktivitäten und gemütliche Nischen für informelle Gespräche.
  • Technologische Ausstattung: Moderne Technologie ist integriert, um digitales
    Lernen zu unterstützen, wie Beamer, Soundsysteme und Möglichkeiten zur
    Videoaufnahme.
  • Natürliches Licht und Pflanzen: Ein angenehmes Raumklima fördert das
    Wohlbefinden und die Konzentration, daher sollten große Fenster, Pflanzen und
    eventuell sogar ein Zugang zu einem Außenbereich vorhanden sein.

Queststadt in Darmstadt – Ein exemplarisches Beispiel

Ein herausragendes Beispiel für einen Raum, der als „dritter Facilitator“ fungiert, ist die Queststadt in Darmstadt. Hier wird das Konzept des Raums als aktiven Teilnehmer am Lernprozess in die Praxis umgesetzt. Die Queststadt bricht mit der Tradition unbeweglicher Möbel und setzt stattdessen auf Flexibilität. Das Ziel ist es, flexibles Denken in einem ebenso flexiblen Raum zu fördern.

Die Bezeichnung „Queststadt“ leitet sich von der Idee einer „Quest“ ab, bei der es darum geht, Aufgaben zu lösen, Abenteuer zu bestehen und Herausforderungen zu überwinden. Genau diese Dynamik wird in der Queststadt erlebbar gemacht. Anstatt in einem starren Klassenraum zu sitzen, werden die Teilnehmenden hier zu modernen Helden ihrer eigenen Lernreise.

Ein besonderer Dank an die Queststadt

Wir möchten an dieser Stelle unseren herzlichen Dank an die Queststadt aussprechen. Während unseres zweitägigen Workshops „Einführung in die Facilitation“ durften wir zu Gast in diesen inspirierenden Räumlichkeiten sein. Es war eine wertvolle Erfahrung, die Vorzüge dieser innovativen Raumgestaltung direkt mit den Teilnehmenden zu erleben und zu nutzen.

Fazit

Der Raum, in dem das Lernen stattfindet, ist mehr als nur eine Kulisse. Er ist ein aktiver Teilnehmer am Lernprozess, ein „dritter Facilitator“, der den Lernenden hilft, das Beste aus ihrer Zeit herauszuholen. In der Erwachsenenbildung sollten wir den Raum nicht übersehen, sondern ihn als das nutzen, was er sein kann: ein kraftvolles Werkzeug für effektives und inspirierendes Lernen.

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