Buchtipp: TIME TO THINK – Raum und Zeit für gute Ideen

Elke Heldmann-KieselVeröffentlicht von

Buchtipp: Kline, Nancy: Time to think, Zehn einfache Regeln für eigenständiges Denken und gelungene Kommunikation, Rowohlt Tb, Reinbek 2019 (2. Auflage)

Wir können die Gesellschaft, unseren Arbeitsplatz aber auch unser Zuhause in einen anregenden und lebendigen Ort zum Denken, in ein „Thinking Environment“ verwandeln. Wie das gehen kann, welche Bedingungen es für eine so gestaltete Denkumgebung braucht, die gute Ideen hervorlockt und unser Denkpotenzial entfaltet, lese ich im Buch „Time to think“ von Nancy Kline, das ich hier vorstellen will.

Laut der US-amerikanischen Autorin und  Kommunikationstrainerin hängt die Qualität unseres Denkens weniger von Intelligenz und Bildung ab, als von der Möglichkeit, eigenständig zu denken. Eigenständig im Sinne von selbst denken, den eigenen Gedanken vertrauen und Verantwortung für das eigene Denken übernehmen. Weder zu denken, was alle denken noch das Denken den anderen überlassen und sich auch nicht selbst im Denken behindern. Womöglich mit negativen Grundannahmen wie: Meine Gefühle tun hier nichts zu Sache; meine Ideen interessieren nicht, ich kann eh nichts ausrichten; meine Meinung zählt nicht, ich bin kein Experte (Vgl. Kapitel 28 „Was nehmen Sie an?“ S. 213 bis 221). Auch wenn die Kommunikationsregeln, die sie aufstellt nicht kompliziert sind, so ist das Ganze dennoch ein anspruchsvolles Projekt. „Sich Zeit zum Denken zu nehmen bedeutet Zeit zum Leben gewinnen“, schreibt Nancy Kline (S. 244). Ihre Überlegungen, wie wir uns gegenseitig beim Denken unterstützen können, haben auch 21 Jahre nach Veröffentlichung der englischsprachigen Originalausgabe (1999) nicht an Bedeutung verloren.

Letztlich geht es darum, sich selbst und den anderen zu würdigen mit der jeweils eigenen Art zu fühlen und zu denken. Es ist gut, dass wir verschieden sind. Diversität ist ein wichtiger Faktor der das Denken in Gruppen verbessert, schreibt die Autorin.

Eigenständiges Denken wird ermöglicht, wenn wir uns Raum nehmen und Zeit lassen zum Denken. Denken wird dabei nicht nur als Verstandestätigkeit verstanden sondern im Verbund mit dem Herzgeist. Aufmerksames Zuhören und echtes Interesse am anderen, lässt die kreativen Ideen sprudeln, ist die Autorin überzeugt. Mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung  füreinander fördert die Qualität des Denkens, die unsere Zusammenarbeit und unser Zusammenleben bereichert. Dazu hat Kline eine Struktur entwickelt, die im Wesentlichen auf 10 Komponenten aufbaut. Man muss „nichts Ausgefallenes tun, um auf gute Ideen zu kommen. Man muss nur all diese Bedingungen herstellen, und die Ideen werden erscheinen“ (S. 154):

Aufmerksamkeit: Zuhören mit Respekt, Interesse und Faszination.

Incisive Questions: Mit gezielten Fragen, Denkbeschränkungen identifizieren und beseitigen, den Geist befreien von ungünstigen Vorannahmen und neu befeuern.

Gleichheit: Gleichbehandlung aller in Bezug auf das Denken (jeder bringt sich ein, steuert seinen Denkanteil bei, jede/r ist gleich wichtig) mit strukturierter Redezeit.

Wertschätzung: Fünf-zu-eins-Verhältnis von Anerkennung zu Kritik (fünf Mal sagen, was gut ist, loben, auf Stärken hinweisen, bevor einmal Kritik am anderen geübt wird)

Gelassenheit: Befreiung von Hetze und Dringlichkeit, emotional entspannt und mit weitem Geist großräumig denken.

Ermutigung: Sich gegenseitig unterstützen im besten Sinne zu denken, statt in
Konkurrenz oder Wettbewerb zu treten. Neid und Rivalitäten hemmen die Qualität des Denkens.

Gefühle: Zulassen und Ausdrücken von Gefühlen, das Fühlen für das Denken fruchtbar machen.

Information: Rechtzeitige Bereitstellung eines vollständigen und genauen Bildes der Realität.

Ort: Schaffung einer konkreten Umgebung, die dem Menschen widerspiegelt: „Du bist wichtig.“

Diversität: Qualitative Verbesserungen aufgrund der Unterschiede zwischen den Menschen.

(Quelle: Die zehn Komponenten eines Thinking Environment, Vgl. S. 45)

Die Struktur des „Thinking Environment“ setzt auf Kreativität und Beteiligung aller und fördert die gemeinsame Suche nach guten und frischen Ideen. Wie man beispielsweise ein „Denk-Team“ anleitet und Meetings durchführt, lässt sich auf den Seiten 131- 154 nachlesen. Wie man im persönlichen Bereich oder im Arbeitsleben „Denk-Partnerschaften“ integriert und sich im Zuhören und Denken begleitet und gegenseitig unterstützt, das beschreibt Kline anschaulich mit dem Modell der „Denk-Sitzung“, eine Art Coaching-Gespräch ( S. 183 – 244). Immer geht die zugrundeliegende Methode davon aus, dass die besten Ideen im eigenen Kopf schlummern und dass es darum geht, den anderen darin zu unterstützen, sie zum Vorschein zu bringen, durch Zuhören und Fragen und eine wertschätzende Atmosphäre.

Zum Schluss gibt die Autorin Hinweise für eine „Denk-Gesellschaft“ und die Art, wie wir Politik machen, wie wir Schule gestalten oder als Familie zusammen leben. Wie steht es mit der gegenseitigen Aufmerksamkeit und Wertschätzung zwischen Lehrenden und Schüler*innen, zwischen Eltern und ihren Kindern und zwischen den politisch Verantwortlichen und den Bürger*innen? Eine Kultur des aufmerksamen Zuhörens und der gegenseitigen Achtung und Anerkennung bringt gute Ideen hervor, meint die Autorin, Ideen, die uns weiter bringen. Höchste Zeit, dass wir uns Zeit dafür nehmen. Zeit zum Denken.

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